Ein Manifest für die Kraft der Einfachheit im Alltag, wenn alles auseinanderzufallen droht:
Bei: Ruben Manuel Gonzales
Du stehst auf, frühstückst Müsli, dazu eine Tasse Tee oder Kaffee. Du machst dich fertig für den neuen Tag. Du fährst mit der Bahn oder nimmst das Fahrrad. Zur Mittagszeit hast du einen Salat dabei und ein belegtes Vollkornbrot mit Sprossen, von dem du gehört hast, dass es gesund ist.
Unser Leben besteht aus einer Vielzahl alltäglicher Gesten, die – oft unbemerkt – prägen, wer wir sind. Gesellschaft, Kultur und Sprache strukturieren die Codes, die unserer Welt Ordnung geben. Doch wie handeln, wenn diese Ordnung ins Wanken gerät? Wenn Krieg, ethnische Säuberung, Energiekrisen und Klimakollaps aufhören, bloße Schlagzeilen zu sein, und beginnen, das Leben selbst zu organisieren. Manche sprechen von einer Neuordnung der Machtverhältnisse, von der Verfestigung bislang beispielloser Formen von Kontrolle und Herrschaft. Klar ist: Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein.
Kehren wir zurück zur Verlässlichkeit der Details, die wir kennen: zum Alltag selbst. Familie, Freundschaft, Kollegialität – alles durchzogen von einer Linie der Fürsorge. Und diese Fürsorge, die wir täglich praktizieren, ist nichts anderes als eine konkrete, beständige Form von Liebe, die unser Leben trägt.
Mit derselben Aufmerksamkeit nähern wir uns den Gegenständen, die diese alltäglichen Erfahrungen ermöglichen. Der morgendliche Kaffee, zubereitet in einer Mokka-Kanne in Mailand, folgt derselben Intention wie ein Phin in Hanoi; doch die Utensilien und Zubereitungstechniken unterscheiden sich. In Sarajevo hingegen gibt es keinen spezifischen Namen für das Kaffeeutensil selbst, sondern für den Zubereitungsprozess: Bosanska kafa.
Die Techniken, mit denen wir im Alltag mit solchen Dingen umgehen, sind geprägt von einer Codierung aus Gesten, Wissen und Praktiken, die wir als Kultur bezeichnen können. In einer postmigrantischen Gesellschaft wie Berlin gewinnen diese Interaktionen an besonderer Intensität: Gegenstände kommen an, zirkulieren; einige bleiben, andere gehen weiter – ebenso wie die Menschen, die die entsprechenden Nutzungsweisen mitbringen, neu interpretieren und anpassen.
In einer Stadt, in der vier von zehn Menschen eine Einwanderungsgeschichte haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, auf Praktiken – und damit auf materielle Formen – zu stoßen, die einem zunächst fremd erscheinen. Viele davon sind längst Teil der urbanen Identität geworden. Es ist ganz normal, in Parks oder auf Terrassen Menschen zu sehen, die entspannt Okey oder Pétanque spielen, während sich andere in Cafés oder Salons konzentriert Partien von Mahjong oder Tavla widmen.
Trotz dieser Vertrautheit existieren Spiellogiken von stiller Schönheit – wie Olinda Keliya aus Sri Lanka: ein Spiel, dessen Regeln durch Stimme, Poesie und Gesang weitergegeben werden und dessen Spielsteine aus den Samen der Paternostererbse (Abrus precatorius) bestehen.
Diese Samen sind weit über den indischen Kulturraum hinaus geschätzt, etwa in Afrika und Amerika. Ihr intensives Rot mit dem charakteristischen schwarzen Punkt fasziniert – und verlangt zugleich einen achtsamen Umgang, da sie giftig sind. Mit ihnen zu spielen verweist auf eine andere Geschichte: In menschlichen Händen gelangte die Pflanze entlang kolonialer Handelsrouten in andere Regionen und wurde Teil vielfältiger kultureller Praktiken.
Dieselben Hände ließen Trommeln an den Küsten des Atlantiks, des Indischen Ozeans und des Pazifiks erklingen – als Echos und Erinnerungen an Vertreibung, Anpassung, Umdeutung und Widerstand. Musik, als eine Sprache, die Körper und Räume durchzieht, findet in Afrika einige ihrer tiefsten rhythmischen Wurzeln. Die Djembe aus Westafrika, in diesem Fall aus Accra zugesandt, gilt als zentrales Instrument kollektiver Percussion, während das Gankogui, ebenfalls aus Westafrika und in diesem Fall aus Dakar stammend, der Ewe-Tradition folgt. Dennoch zeigt sich heute in Städten wie Berlin, dass musikalische Dialoge Ensembles hervorbringen, die beide Elemente verbinden.
Dieses imaginäre Ensemble der Großstadt könnte durch eine kleine Kiste ergänzt werden: die afroperuanische Cajita Rítmica aus Lima, entstanden in den Abgründen der Versklavung und getragen von einem Impuls zur Freiheit. Ihre Rhythmen und Klangformen sind gereist, haben sich verändert und auf einem anderen Kontinent neue Ausdrucksformen gefunden.
So lädt uns diese Konstellation von Dingen und Kulturen dazu ein, sie zu erkunden. Unser Anliegen ist es, dass sich die Internationale Bibliothek der Dinge nicht als Verteidigung von Globalisierung – und erst recht nicht von Kolonialismus – versteht, sondern als Resonanzraum: ein Geflecht aus Logiken, Codes, Erinnerungen und Geschichten, die aus dem vielleicht unscheinbarsten, aber entscheidenden Bereich hervorgehen – dem Alltag.
Die Objekte wurden von 75 lokalen Teams weltweit im Rahmen des 75-jährigen Jubiläums des Goethe-Instituts ausgewählt – als eine Art zeitgenössischer Leuchtturm von Alexandria. Ein Raum, in dem sich die Vielfalt des Wissens nicht an dominanten Epistemologien oder künstlicher Intelligenz misst, sondern an unmittelbarer menschlicher Erfahrung.
Erfahrungen, die die Dinge durchdringen, mit denen wir für andere sorgen, zusammen spielen, kochen oder Musik machen – durch sie gestalten wir im Alltag das, was über uns hinausweist. Kleine, beinahe unsichtbare Gesten, die in Zeiten der Unsicherheit – wenn das Leben nicht mehr dasselbe zu sein scheint – zu sicheren Räumen werden, die wir bewohnen.